vektor:linx - „From the river to the sea“ – ist das antisemitisch?

„From the river to the sea…“ – Welcher Fluss und welches Meer?

Die Parole „From the river to the sea – Palestine will be free“ ist eine der bekanntesten und zugleich umstrittensten Losungen im Kontext des Nahostkonflikts. Für manche erscheint sie auf den ersten Blick als allgemeiner Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung für Palästinenser:innen. Bei genauerer historischer, geografischer und politischer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese Parole weit über legitime Kritik an israelischer Politik hinausgeht und in ihrer Bedeutung antisemitische Inhalte transportiert.

Geografisch bezieht sich der Slogan auf das Gebiet „vom Fluss bis zum Meer“, konkret vom Jordanfluss bis zum Mittelmeer. Dieses Gebiet umfasst das gesamte Staatsgebiet des heutigen Israels sowie die palästinensischen Gebiete. Wenn gefordert wird, dass „Palästina“ in diesem gesamten Raum „frei“ sein soll, impliziert dies zwangsläufig die Auflösung oder Beseitigung des Staates Israel. Für einen jüdischen Staat – und damit für jüdische kollektive Selbstbestimmung – ist in dieser Vision kein Platz. Die Parole richtet sich damit nicht gegen einzelne politische Maßnahmen, sondern gegen die Existenz Israels als solchen.[1]

Diese Delegitimierung ist ein zentrales Merkmal antisemitischer Israelbezogenheit. Nach der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) kann Antisemitismus auch darin bestehen, dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen, etwa indem die Existenz des Staates Israel als rassistisches oder illegitimes Projekt dargestellt wird.[2] Genau dies geschieht, wenn ein politisches Ziel propagiert wird, das faktisch nur durch die Abschaffung Israels erreichbar wäre. Kritik an Grenzen, Regierungen oder Militärpolitik ist legitim – die Infragestellung des Existenzrechts eines Staates hingegen überschreitet diese Grenze.

Antisemitisch wirkt die Parole auch durch ihre extreme Vereinfachung des Konflikts. Sie reduziert eine hochkomplexe historische und politische Realität auf ein binäres Freund-Feind-Schema: Hier das „befreite“ Palästina, dort ein illegitimer jüdischer Staat. Die jahrzehntelangen Versuche nach Zwei-Staaten-Lösungen, Kompromissen und gegenseitiger Anerkennung werden ausgeblendet. Stattdessen wird ein absolutes Ziel formuliert, das keinen Raum für jüdische Sicherheit, Selbstbestimmung oder historische Verbundenheit mit dem Land lässt.

Darüber hinaus zeigt sich eine doppelte Standardsetzung. Während nationale Selbstbestimmung für viele Völker weltweit als legitimes Ziel anerkannt wird, wird sie dem jüdischen Volk abgesprochen. Israel wird nicht als einer von vielen Nationalstaaten behandelt, sondern als Sonderfall, dessen Existenz grundsätzlich infrage gestellt wird. Diese Ungleichbehandlung ist ein klassisches antisemitisches Muster, auch wenn sie sich in politischer Sprache tarnt.[3]


[1] Vgl. https://www.bpb.de/themen/islamismus/dossier-islamismus/36358/antisemitismus-und-antizionismus-in-der-ersten-und-zweiten-charta-der-hamas/, zuletzt aufgerufen: 28.01.2026.

[2] Vgl. https://holocaustremembrance.com/resources/arbeitsdefinition-antisemitismus, zuletzt aufgerufen: 28.01.2026.

[3] Vgl. https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559877/drei-d-test/,zuletzt aufgerufen: 28.01.2026.